Das nächste Digitalforum Gesundheit findet am 20. Mai 2022 statt

 

 

Eröffnungsrede von Ulf Fink, Senator a.D., zum 1. Digitalforum Gesundheit am 21. Mai 2021


Von der Digitalisierung wird der Wohlstand von morgen und die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Deutschland abhängen. Dies war die Feststellung von Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Digitalgipfel der Bundesregierung im Oktober 2019. Die Disruption, die durch die Digitalisierung ausgelöst wird, betrifft ganze Wirtschaftszweige und deren Geschäftsmodelle. Ohne Zweifel geht es bei der Digitalisierung um die ökonomische Zukunftsfähigkeit unseres Landes.  

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Zusammenfassung der Eröffnungsveranstaltung: „Vernetzung geht nur mit Cloud“
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Es droht ein wirtschaftlicher Abstieg, wenn wir nicht schneller, entschiedener und mit deutlich mehr Mitteln in eigene Digitalstrategien investieren. Es braucht nicht viele Anhaltspunkte, um unsere Situation zu erläutern: Kein Digitalkonzern der Top-15 der Welt kommt aus Europa. Von 200 führenden Online-Plattformen sind vier Prozent europäisch. Deutschland investiert in Künstliche Intelligenz bis 2025 drei Milliarden Euro, China bis 2030 135 Milliarden Euro. China hat 2018 ein eigenes Schulfach KI eingeführt. Überspitzt könnte man sagen: Wir haben stattdessen die EU-Datenschutzgrundverordnung eingeführt. Ich möchte keine schlechte Stimmung verbreiten. Immerhin haben wir, die hier heute zum ersten Digitalforum Gesundheit in Berlin zusammengekommen sind, eine entscheidende Stellschraube selbst in der Hand - und dies ist die Digitalisierung der Gesundheitsbranche in Deutschland. 

Die Gesundheitsbranche ist sicher eine der interessantesten Branchen für Digitalisierung und Künstliche Intelligenz. Ich möchte zwei Gründe nennen: Zum einen beläuft sich der Anteil der Gesundheitsbranche am Bruttoinlandsprodukt in den Industrienationen auf 10 bis 18 Prozent. Die große volkswirtschaftliche Bedeutung wird durch die weltweit ansteigende Bevölkerungsanzahl und die zunehmende Lebenserwartung weiter zunehmen. 

Zum anderen entstehen in der medizinischen Versorgung enorme Datenmengen, die für bessere Versorgung, Forschung und Produktentwicklungen genutzt werden können. Die Auswertung dieser Daten ist die zentrale Voraussetzung für eine gute Medizin. Es geht dabei immer um medizinische Behandlungsdaten, Abrechnungs- und Registerdaten sowie Daten des menschlichen Genoms. Finnland etwa führt diese Daten in einer Cloud zusammen. Eines der Ergebnisse ist, dass die Finnen sehr viel besser als Deutsche wissen, wann sie beispielsweise eine Koloskopie in Abhängigkeit ihres individuellen Risikoprofils durchführen sollten – teilweise bereits mit Mitte 30. Für eine bessere Prävention sind diese Daten und deren Auswertung unerlässlich.        

Die Kliniken in Deutschland können die notwendigen Investitionsmittel für IT und Digitalisierung nicht aufbringen. Sie sind auch häufig nicht in der Lage, mit anderen Branchen erfolgreich bei der Anwerbung, beispielsweise von Informatikern, mitzuhalten. Ohne deutliche Aufstockung der Investitionsmittel, zielgerichtet für die stationäre Digitalisierung, verliert Deutschland international als exzellenter Gesundheits- und medizinischer Forschungsstandort deutlich an Boden. Von daher ist es sehr gut, dass durch das Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG) insgesamt 4,3 Mrd. Euro zur Digitalisierung der stationären Medizin mobilisiert werden. Aber das kann nur der Anfang sein. In 2030 werden, so Herr Dr. Gocke, der Chief Digital Officer der Charité, 50 Prozent der Patienten außerhalb der Charité behandelt. Dann müssen wir beispielsweise deutlich mehr Mittel in digitales Monitoring und Telemedizin investieren und eher weniger Mittel für Klinikgebäude ausgeben. 

Die elektronische Patientenakte ist die „Mutter aller Digitalisierungsmaßnahmen“ in der Gesundheitsversorgung. Wenn Ärzte und Kliniken mitwirken, Pflegeeinrichtungen Zugriff erhalten und Patienten sogar ihre Gesundheitsdaten spenden können, kommt der enorme Nutzen der elektronischen Patientenakte für Forschung und bessere Therapien zum Tragen. Wie Interoperabilität, die Befüllung der elektronischen Patientenakte mit medizinischen Daten und Zugriffskonzepte umgesetzt werden, erörtern wir im Rahmen dieses Digitalforums Gesundheit. 

Meine Damen und Herren: Zwischen digitalisierten und nicht digitalisierten Gesundheitssystemen, davon bin ich fest überzeugt, entsteht die neue Zwei-Klassen-Medizin. Es gibt Gesundheitssysteme, in denen medizinische Behandlungsdaten für bessere Forschung und Therapie genutzt werden können und Gesundheitssystemen, in denen das nicht der Fall ist. Wer Daten digital nicht nutzt, wird vom medizinischen Fortschritt abgekoppelt und die Qualität der Patientenversorgung wird sinken. Letzteres können wir für Deutschland nicht wollen und uns auch ökonomisch nicht leisten. Eine effiziente Gesundheitsversorgung kann nur mit Hilfe der Nutzung medizinischer Daten gelingen. 

Der Medizinrechtler Prof. Christan Dierks hat vor einiger Zeit gesagt: „Wir haben in Deutschland mehr als 100 Einrichtungen, die für die Einhaltung des Datenschutzrechts in der klinischen Forschung zuständig sind. Länderübergreifende Forschungsprojekte (damit meint er zwischen deutschen Bundeländern) werden sehr erschwert.“ Kurz gesagt: Mit unseren Datenschutzregeln stehen wir uns selbst im Wege. Wir brauchen hier den Bundesgesetzgeber, der ein verbessertes Datenschutzrecht für das Gesundheitssystem schafft. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitssystem hat in seinem Gutachten 2021 sehr gute Vorschläge unterbreitet. Der zentrale Gedanke des Sachverständigenrates lautet: „Es gilt, Datenschutz im Gesundheitswesen als Teil von Lebens- und Gesundheitsschutz auszugestalten, nicht als dessen Gegenteil.“     

Prof. Nikolaus Rajewsky, Gründungsdirektor des Berliner Instituts für Medizinische Systembiologie am Max-Dellbrück-Zentrum hat kürzlich das Konzept einer zellbasierten Medizin beschrieben. Es zielt darauf ab, Moleküle in Millionen individueller Zellen zu identifizieren und Erkrankungen im Zeitablauf zu verfolgen. Er plädiert für den Aufbau einer Zell-Klinik in Berlin, ein Virchow 2.0. Da Erkrankungen wie Krebs ihre Ursachen in Fehlfunktionen auf zellulärer Ebene haben, ist das Verständnis und die Therapie auf Zellebene eine faszinierende Idee zur Heilung schwerer Erkrankungen. Bei diesem Ansatz fallen riesige Datenmengen an, die verstanden werden müssen, um therapeutische Angriffspunkte zu entwickeln. Neben Wissenschaftlern aus der Grundlagenforschung und Medizinern bedarf es Mathematiker, Bioinformatiker sowie Künstlicher Intelligenz und maschinelles Lernen - sprich die Industrie. Wir brauchen in Deutschland endlich eine Diskussion über die Chancen, die in der Nutzung von medizinischen Daten liegen. 

Das Krankenhauszukunftsgesetz ist zu Glück Realität. Aber: Wir sind bei der Digitalisierung spät dran. Wir müssen Tempo aufnehmen und aufholen. Die USA beispielsweise haben bereits 2009 mit dem HITECH Act 27 Milliarden Dollar zur Digitalisierung der Kliniken mobilisiert. Mit dem Gesetz wurden zudem die Elektronischen Patientenakten in den USA standardisiert. Mittlerweile sind uns die USA beim Digitalisierungsgrad des Gesundheitssystems enteilt. Die Folge: 75 Prozent des weltweiten Kapitals für Digital Health werden in den USA investiert; in Deutschland 0,5 Prozent. Im Übrigen zeigt die Corona-Pandemie, dass wir bei der Digitalisierung schnell sein können, wenn es erforderlich ist. Ich habe aber den Eindruck, dass dieser Schwung wieder verloren geht, und zu viele Akteure im Gesundheitswesen bei der Digitalisierung wieder auf der Bremse stehen.   

Meine Damen und Herren: Mit dem Digitalforum Gesundheit wollen wir ein Format aufbauen, dass sich ausschließlich mit der Digitalisierung der stationären Medizin befasst. Die Kliniken bleiben Dreh- und Angelpunkt der medizinischen Versorgung. Wir wollen mit dem Digitalforum Gesundheit auch erreichen, dass die digital affinen Ärzte aus den Krankenhäusern ihre Projekte vorstellen und diese Ärzte damit eine Plattform für Networking und Austausch erhalten. Die Transformation der Medizin braucht diese Vorreiter in den Kliniken. Sie werden viel zu häufig auch klinikintern nicht richtig gewürdigt. Das wollen wir mit diesem Format ändern und mehr Sichtbarkeit für diese Pioniere schaffen.