Digitale Gesundheitsstädte und -regionen - Pioniere einer vernetzten, sicheren und patientenorientierten Versorgung

Deutschland verfügt über umfassende Versorgungsstrukturen in Pflege, Kliniken und Ärzteschaft sowie international renommierte medizinische Forschung. Das große Ökosystem aus Startups, Pharmaindustrie und Medizintechnik bietet eine innovative Gesundheitswirtschaft und die Menschen in Deutschland vertrauen auf die hohe Qualität in der medizinischen Versorgung. Im Gesundheitswesen ist das reibungslose Zusammenspiel aller Akteure von herausragender Bedeutung. Die Digitalisierung hilft den Beteiligten, ihre jeweiligen Aufgaben in der medizinischen Versorgung und Forschung bestmöglich zu erfüllen und Hürden in der sektorenübergreifenden Kommunikation abzubauen. Die Digitalisierung erfordert eine Neugestaltung der Zusammenarbeit und Kommunikation in der Medizin. Dazu braucht es mutige Pioniere, neue Berufsbilder und andere Betriebs- und Steuerungsmodelle.


Doch wer sind die Pioniere? Wo hat man sich auf den Weg zur Innovationsregion gemacht, wer kann echte Mehrwerte bei der Digitalisierung der Medizin vorzeigen und was sind die Erfolgsfaktoren? Im Digitalforum Gesundheit 2023 geht es um das Zusammenspiel von Governance und Translation für die nächsten Jahre. Was bedeutet die Digitalisierungsstrategie des BMG für die Neuausrichtung der Digitalisierung des Gesundheitswesens und die Nationale E-Health Infrastruktur (Neustart Digitalisierung)? Wie gelingt die Neuausrichtung in der Praxis (Smart Care]? Wie können starke regionale Player die Digitalisierung in der Region vorantreiben (Digitale Gesundheitsstadt)? Und wie können Plattformen dabei helfen, analoge und digitale Leistungen zu einem patientenorientierten Versorgungsmanagement zu verbinden?

 

Warum es mit der Digitalisierung nur langsam vorangeht


Warum es mit der Digitalsierung im deutschen Gesundheitswesen nur langsam voran geht, erörterten Expertinnen und Experten auf der Eröffnungsveranstaltung des Digitalforums Gesundheit am 20. Mai 2022 in Berlin.

Ein Beispiel: Weniger als ein Prozent der Versicherten verfügt über die bereits 2021 gestartete elektronische Patientenakte (ePA). Das erklärte Dr. Susanne Ozegowski, Abteilungsleiterin Digitalisierung im Bundesgesundheitsinisterium.

Das sei "ein Potential an Daten, das nicht gehoben wird", kritisierte die promovierte Versorgungsforscherin. Die ePA soll die Behandlung verbessern, denn damit erhalten alle Beteiligten, vom Arzt bis zum Apotheker, einen Einblick in bisherige Diagnosen, Therapien und die Medikation. Und das auch nur, wenn der Patient das möchte. Doch dazu müssen die Daten in der digitalen Akte gespeichert werden. Eine technische Hürde stellen unter anderen die unterschiedlichen Praxis-Software-Systeme der niedergelassenen Ärzte dar.

"Warum nicht festlegen, dass nur noch die Ärzte mit der Kasse abrechnen dürfen, deren Praxissoftware eine offene Schnittstelle hat?", schlug Moderator und Health Entrepreneur Prof. Jörg Debatin vor. "Die Software-Hersteller durch gesetzliche Auflagen dazu bringen, offene Schnittstellen einzurichten", meint Prof. Ralf Kuhlen, Konzerngeschäftsführer Medizin bei Helios. In den USA gebe es bereits ein entsprechendes Interoperabilitätsgesetz, ergänzte Prof. Sylvia Thun vom Berlin Institute of Health.

Chronisch kranke Patienten überwacht daheim behandeln

Doch auch bei den gesetzlichen Krankenkassen sah das Podium Hemmnisse für die weitere Verbreitung der ePA. Zum einen weil die Kassen teils eigene Versionen der ePA anbieten. Zum anderen, weil der bürokratische und technische Aufwand, um eine elektronische Patientenakte zu erhalten, recht groß zu sein scheint. Markus Holzbrecher-Morys, Geschäftsführer E-Health der Deutschen Krankenhausgesellschaft, versucht es seit einem dreiviertel Jahr und hatte noch keinen Erfolg.

Die Digitalisierung könnte zugleich die von der Ampel-Koalition geplante Krankenhausreform beschleunigen, die auf einen Abbau von Kliniken und Betten setzt, so Moderator Debatin. In den USA geschieht das bereits. Wie die Möglichkeiten von Home-Health und Telemedizin dort genutzt werden, hat Prof. Erwin Böttinger (Hasso-Plattner-Institut Potsdam) am Mount Sinai Hospital in New York miterlebt. Dort werden Patienten mit den nötigen Überwachungsgeräten daheim behandelt. Abweichende Werte können frühzeitg erfasst und dann gegengesteuert werden. Diese Behandlungsform eigne sich für chronische Erkrankungen, nicht für Akut-Patienten oder Notfälle.
 
Warum die Digitalisierung im Gesundheitswesen nur langsam voran geht

Das bestätigt Prof. Jens Scholz, Vostandvorsitzender des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein. Erkrankte per Telemedizin daheim versorgen zu können bedeutet in einem Flächenland eine große Erleichterung. So müssten zum Beispiel Diabetes-Patienten nur einmal im Quartal in die Klinik fahren.

Nicht nur aufwändiges medizinisches Gerät, sondern übliche Smartphones oder Smartwatches können Altagsdaten der Patienten aufzeichnen. Diese Daten müssten nur enstprechend vernetzt und nutzbar gemacht werden. Doch der Datenschutz ist ein wichtiger Grund, warum die Digitalisierung im Gesundheitswesen nur langsam voran geht. Vieles, was in anderen Ländern praktiziert wird, ist hierzulande verboten. Die EU-Datenschutz-Gesetze würden falsch und zu streng ausgelegt, waren sich die Experten einig.

Die Helios-Gruppe etwa betreibt auch Kliniken in Spanien, wo die Möglichkeiten der Digitalisierung viel stärker genutzt werden. "Da bekomme ich die Befunde auf mein Handy", sagt Prof. Kuhlen. Digitalisierung sei kein Selbstzweck, sondern soll die Produktivität verbessern und Kosten und Zeit sparen, was dem Patenten zugute kommt.

Zuspruch fand das 2020 erlassene Krankenhauszukunftsgesetz, das Kliniken dazu ermuntert,  die Digitalisierung voran zu treiben. Der jeweilige Status der Häuser wurde mit einem von Prof. Thun entwickelten Digital-Radar abgefragt. Belohnt werden die Bemühungen mit einer Übernahme der Beriebsausgaben. Das müsste über 2024 hinaus weiter laufen, forderte Holzbrecher-Morys.

Das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein war schon vor dem Gesetz digitaler Vorreiter in der Region. "Bei uns wird nichts mehr ausgedruckt", so Prof. Scholz. Die Patienten checken sich an Terminals in der Eingangshalle selber ein.